»Die Kunst des feinen reinen Tons«

Basstrompeten aus dem Chiemgau

4. März 2026

Lesezeit: 8 Minute(n)

Peter Baumann baut in Aschau Trompeten, Flügelhörner, Ventilposaunen und Basstrompeten. Gerade für Letztere hat er ein großes Faible entwickelt und viel Zeit, handwerkliches Können und Knowhow in die Entwicklung des Instruments gesteckt. Viele in der Volksmusikszene hat er in den letzten 35 Jahren mit seinen meisterhaften Instrumenten ausgestattet und damit das Klangbild maßgeblich beeinflusst. Andrea Iven hat sich mit Instrumentenbauer Peter Baumann und dem Musikanten Erich Gawlik über die Basstrompete unterhalten.
Interview: Andrea Iven Fotos: Dorothee Kriewald, Andrea Iven, Bayerischer Rundfunk, privat

Andrea Iven: Lieber Peter, lieber Erich, ich denke, Ihr solltet Euch den Lesern erstmal vorstellen, damit sie wissen, mit wem sie es zu tun haben.

Erich Gawlik: Ich bin 1952 geboren und mit zwei Geschwistern in Aschau aufgewachsen. Musik war bei uns daheim immer präsent. Mein Vater hat Akkordeon gespielt, wir haben früh Stubenmusik gemacht. Ich habe zunächst autodidaktisch Akkordeon gelernt, später Zither und dann Tenorhorn. Eine klassische Ausbildung hatte ich nie – vieles habe ich mir selbst erarbeitet. Mit der Blasmusik kam ich früh in Berührung, später habe ich viele Jahre Oberkrainer- und Unterhaltungsmusik gespielt. Musikalisch war das schön, aber ich habe immer gespürt, dass mir etwas fehlt – ein Klang, der tiefer geht, mehr ins Herz hinein. Ende der 1980er-Jahre habe ich im Weisenblasen meine musikalische Heimat gefunden. Das Gefühl war dabei immer mein wichtigster Kompass.

Peter Baumann: Ich bin 1968 in Rosenheim geboren. In meiner Familie war Musik immer wichtig, besonders von der Großelternseite her. Meine Großmutter war Sopranistin, mein Großvater war Musiker, Trompeter und ein hervorragender Sänger. Er erklärte mir die ersten Schritte auf der Trompete, bis ich dann später professionellen Unterricht bekommen habe. Im Wohnzimmerschrank lag eine alte C-Trompete – die haben wir als Kinder ziemlich misshandelt. Später habe ich Trompete in der Stadtkapelle Rosenheim gespielt. Nach der Schule wollte ich eigentlich Schreiner werden, bin dann aber in einer Werkstatt für Blechblasinstrumentenbau in Brannenburg gelandet. Mich hat das Herstellen selbst fasziniert – und irgendwann war klar, dass ich dabeibleiben will.

In der Instrumentenbauwerkstatt: Peter Baumann, Andrea Iven und Erich Gawlik (v. l.)

Was fasziniert Euch besonders an der Basstrompete? Und wo ist denn überhaupt der Unterschied zwischen einer Basstrompete und einem Bassflügelhorn?

Peter: Vielleicht muss man zuerst klären, was mit diesen Begriffen überhaupt gemeint ist. In Österreich wird die Tenorhornstimme bis heute oft Bassflügelhorn genannt. Wenn man sich die Noten anschaut, ist das aber schlicht das Tenorhorn. In neuerer Zeit wird da vieles vermischt.

Wenn man von einer Basstrompete in weiter Bauart spricht, sagen manche gleich: Das ist ein Bassflügelhorn. Historisch stimmt das so nicht. Früher gab es enge und weite Basstrompeten, aber sie wurden nicht als Bassflügelhörner bezeichnet. Fachlich ist das nicht sauber, aber es hat sich eingebürgert. Im Ursprung sind das zwei verschiedene Dinge. Das Tenorhorn ist gewissermaßen das Cello im Orchester, die Basstrompete kommt aus dem Begleitinstrument heraus. Beides klingt mild, aber die Basstrompete ist direkter. Sie zeigt sehr ehrlich, was der Spieler macht.

Erich: Genau das ist für mich der Reiz. Die Basstrompete verzeiht nichts, aber sie gibt auch viel zurück. Als ich Mitte der 1960er-Jahre nach einem Frühschoppen zwei Musikanten mit zwei alten B-Basstrompeten Heimatlieder spielen hörte, da hat mich dieser Ton – irgendwo zwischen Posaune und Tenorhorn – sofort gepackt. Das hatte etwas Eigenes, etwas sehr Bodenständiges.

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Später habe ich mir eine alte Basstrompete ausgeliehen. Der Klang hat das bestätigt, was ich als junger Mensch gespürt habe. Ich würde schon sagen: Die Basstrompete ist aus einem Dornröschenschlaf erwacht. Und einer, der sie wirklich wachgerüttelt hat, war für mich der Obermeyer Hans von den Hinterberger Musikanten.

Peter: Das passt gut zu meinen ersten Erfahrungen. Schon in der Lehrzeit kamen immer wieder alte, ramponierte Basstrompeten in die Werkstatt. Und wir haben uns damals schon gedacht: Das wäre doch interessant, wenn man so etwas wieder spielt.

Erich Gawlik mit seiner Baumann-Basstrompete.

Wann wurde aus dem Interesse an der Basstrompete ein ernsthaftes handwerkliches Thema?

Peter: Schon im zweiten Lehrjahr habe ich für mich entschieden, dass ich als Gesellenstück eine Basstrompete bauen möchte. Vorgesehen war eigentlich eine Konzerttrompete – ein Viertel des Aufwands. Mein Lehrmeister war wenig begeistert, aber ich habe eine Ausnahmegenehmigung der Innung bekommen. Ich habe damals jeden Samstag in der Werkstatt verbracht, habe alle engen Bögen mit Blei gefüllt, teilweise mehrmals, bis die sehr engen Radien der Bögen in der Maschine gepasst haben. Das war ein enormer Aufwand. Die Basstrompete ist auch gut geworden, ich habe sehr gut abgeschlossen. Aber sie ist damals nicht auf Stimmung überprüft worden – und genau da lag das Problem.

Ich habe mir damals von Wolfgang Marchfelder aus Nußdorf eine alte Basstrompete der Münchner Werkstatt von Anton Schöpf ausgeliehen. Ich wollte verstehen, wie man früher gebaut hat. Aber die Stimmungen waren ex­trem unterschiedlich. Der Schallstückmacher arbeitete mit Holzformen, nicht mit Stahlformen wie heute. Jeder Schallbecher war ein bisschen anders, vieles war Zufall. Die wenigen Instrumente, die gut gestimmt haben, sind geblieben – die anderen verschwunden. Und genau diesen Schiffbruch habe ich mit meiner ersten Basstrompete auch erlebt.

Wie gings dann weiter?

Peter: Die Basstrompete hat mich nie mehr losgelassen. Ich war einige Zeit in Kalifornien, u. a. habe ich bei Doc Severinsen gearbeitet, Jazztrompeten gebaut, Ventile gemacht. Nach dem großen Erdbeben 1989 bin ich zurückgekommen und bei Ewald Meindl in Geretsried untergekommen. Er war reiner Schallstückmacher. Wir haben uns meine Basstrompete noch einmal genau angeschaut und gemerkt: Das Problem liegt im gesamten Verlauf. Ich habe dann systematisch daran weitergearbeitet, im geraden Zustand, zehntelweise verändert. Und irgendwann war klar: Der Schnitt stimmt. Da war ich innerlich zufrieden. Für mich war das Thema gelöst.

Mit der Selbstständigkeit, vor rund 35 Jahren wurde dann auch ein beruflicher Weg draus. Ich habe die Schnitte archiviert, und langsam ist dann Nachfrage entstanden, aus der sogar ein regelrechter Boom geworden ist. Es waren vor allem einzelne Musiker, die sehr genau wussten, was sie wollten. Was mir dabei aufgefallen ist: Große Hersteller hatten zwar Basstrompeten ins Programm genommen, aber oft mit, z.B. eher langen und schmalen Bauarten, die im Alpenraum gar nicht üblich waren. Bei uns waren andere Instrumente prägend, etwa von Schöpf oder Böhm aus München. Diese Bauart und dieses Klangideal waren hier zuhause.

Erich, Du warst einer der Musiker, die sehr konkret formuliert haben, was sie brauchen.

Erich: Ja, ich wollte eine Basstrompete, bei der der Ton direkt bei mir da ist. Wir haben das Mundstück näher an den Korpus gesetzt, das Instrument insgesamt kompakter gemacht. Das Gefühl war sofort ein anderes – viel unmittelbarer.

Peter: Es gab damals kein fertiges Modell in meiner Werkstatt. Wir haben dieses Instrument gemeinsam entwickelt. Und im Grunde ist diese Bauart bis heute gleichgeblieben. Es gab Detailveränderungen – Becherdurchmesser, persönliche Geschmacksfragen –, aber der Grundcharakter ist derselbe geblieben.

Peter Baumann: authentisch bleiben – Stil, Handwerk und Haltung.
Natürlich handgefertigt.

»Und irgendwann war klar: Der Schnitt stimmt.«

Früher waren Basstrompeten vor allem Nachschlaginstrumente. Warst Du auch so ein Nachschläger, Erich?

Erich: Nicht wirklich. Nachschlagspielen ist eine Technik, die nicht jeder kann. Es gibt Musikanten, die sind dafür geboren. Bei den Riederinger Musikanten zum Beispiel – da ist ein Nachschlag wie ein Peitschenhieb. Dafür braucht man eine ganz bestimmte Muskulatur. Ich habe das versucht, und hatte ständig Halsschmerzen. Da habe ich gemerkt: Das ist nicht meins. Ich wollte Melodie spielen. Für mich war da der Obermeyer Hans ein wichtiger Impulsgeber. Er hat gezeigt, dass man auf der Basstrompete sauber und berührend Melodie spielen kann. Heute gibt es kaum noch eine Tanzlmusi ohne Basstrompete.

Was zeichnet für Euch eine erstklassige Basstrompete aus?

Erich: Sie muss gut stimmen, sie muss leicht ansprechen, und man muss Freude damit haben. Wenn ein Instrument nicht stimmt, wird alles mühsam – egal, wie sehr man sich bemüht.

Peter: Die Stimmung ist tatsächlich der zentrale Punkt. Wenn man ständig korrigieren muss, verliert man die Lust und die Kraft. Natürlich kann man vieles ausgleichen, aber warum sollte man? Ein Instrument sollte von sich aus tragen. Zudem muss eine Basstrompete eine hervorragende Ansprache besitzen und gut austariert sein. Wenn sie zu schwer oder zu kopflastig ist und man mehrere Stunden damit spielt, wird das schnell sehr anstrengend.

Erich: Man darf aber auch nicht vergessen: Kein Instrument stimmt hundertprozentig. Das ist physikalisch gar nicht möglich.

Die Laubensteiner Bläser: Andreas Hilger, Andreas Wörndl, Erich Gawlik, Peter Schmid (v. l.)

Peter: Genau. Das Spielgefühl muss aber grundsätzlich passen. Das Instrument soll leicht ansprechen, man soll nicht permanent reinhalten müssen. Gerade beim leisen, filigranen Spiel entstehen zunächst ganz feine Linien, die sich später zu einem kräftigen Klang entwickeln. Das funktioniert nur, wenn das Instrument nicht blockiert.

Das Instrument ist letztlich nur der Mittler. Der Ton kommt vom Spieler. Ein sehr guter Bläser wird auch auf einem einfachen Instrument gut klingen – umgekehrt ersetzt ein gutes Instrument keinen fehlenden Ton. Da kommen Leute zu mir und sagen: »Ich will im Klang noch weicher werden.« Dann sage ich: »Probier erst einmal ein anderes Mundstück.« Und wenn es heißt: »Dann habe ich keine Höhe mehr« – das ist dann Trainingssache.

Erich: Das Instrument vergoldet die Seelensprache des Spielers. Aber die Seele muss schon da sein. Mit einem einfachen Instrument kann man auch einen schönen Ton spielen – weil der Ton von innen kommt. Ein sehr gut gebautes Instrument verstärkt das, aber es ersetzt es nicht.

Erich, Du schreibst viele Stücke und Arrangements mit Basstrompete. Worauf kommt es dabei besonders an?

Erich: Ganz wichtig ist, dass die Basstrompete nicht aufdringlich ist. Sie ist kein Instrument, das sich nach vorne drängt. Oft funktioniert sie am besten als dritte Stimme. Beim Weisenblasen geht es nicht darum, zu beeindrucken, sondern zu berühren. Es muss schön klingen. Wenn die Basstrompete zu dominant ist, deckt sie andere Stimmen schnell zu. Ihren Platz muss man ihr bewusst geben.

»Das Instrument verfeinert die Seelensprache des Spielers.«, sagt Erich Gawlik

Wie nehmt Ihr die heutige Basstrompeten-Szene wahr?

Peter: Sie ist sehr vielfältig geworden. Von der Weinbergmusi über die Tegernseer Tanzlmusi bis zu modernen Formationen – alles hat seine Berechtigung. Was mich kritisch stimmt: Durch den Boom gibt es plötzlich wieder nicht ausgereifte Instrumente auf dem Markt, die schlecht stimmen oder die schwierig zu spielen sind – nur um das Instrument im Verkaufsprogramm zu haben. Für mich gehört zur Basstrompete auch eine bestimmte Bauart und eine Pflege des Klangs.

Erich: Die Qualität der Musikanten insgesamt ist sehr hoch geworden. Man hört heute kaum noch etwas Halbgares. – Ich finde es einfach schön, dass man Musik machen darf. Dass man Seelenmusik machen darf. Und dass jeder das machen kann, was ihm guttut – egal ob Volksmusik, eine Weise oder etwas ganz anderes. Wichtig ist, dass man authentisch bleibt. Wenn etwas von innen kommt, spürt man das sofort.

Peter: Authentizität hat für mich ganz viel mit Handwerk zu tun. Freiheit entsteht nicht aus Beliebigkeit, sondern aus Können. Das ist im Instrumentenbau genauso wie in der Musik. Wenn das Handwerk da ist, kann man sich Freiheiten nehmen.

Vielen Dank für das offene Gespräch!

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Aufmacher:
Peter Baumann und Erich Gawlik beim Fachsimpeln (v. l.)

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